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August 2026
Die Ausstellung „85 Jahre Hans im Bilde“ von Hans-Jürgen Schmejkal in der Galerie im Stammelbachspeicher ist eine Werkschau eines langen Künstlerlebens. Gezeigt werden 32 großformatige Gemälde, ein Querschnitt durch ein außergewöhnliches Künstlerleben von 1974 bis heute.
Ein Kellner in der Unterwelt
Hans-Jürgen ist ein Kriegskind, 1941 geboren und die Flucht 1945 zur Bierbaumsmühle in Baddeckenstedt gehört zu seinen traumatischen Erfahrungen, die sein Leben prägten. Als Heranwachsender ist er zutiefst verunsichert und passt in keine der gängigen Erwartungen. Als Schüler ist er stumm, bei der Bundeswehr leitet er das Heer in die Irre und als Architekturstudent merkt er, dass er eigentlich Maler ist. In der wilden 68er Zeit kümmert er sich in Berlin um die Kinder der Demonstrierenden, in der evangelischen Kirche bringt er die Gläubigen zum Weinen und als seine Zukunftspläne zusammenbrechen, reist er nach Nepal. Als Kellner in der Kneipe Ruine taucht er in die Berliner Unterwelt ab, die er zeichnend und malend begleitet. 1974 beschließt er, jeden Tag zu malen und hat damit bis heute nicht aufgehört. Als seine Oma im Sterben liegt, zieht er zu ihr nach Holle und wird dort Schnapsbrenner. Seine jährlichen Feten im großen Haus in Holle sind legendär.
Tierische Triebe
Hans-Jürgen hat viele Namen: Tschinco, Jo, Hans, Veda oder Chewbacca. Chewbacca ist das große, dicht behaarte Wesen aus Star Wars, das nur Brüll- und Knurrgeräusche von sich geben kann. Wieso passt dieser Name zu Hans-Jürgen? Chewbacca ist der animalische Anteil in seiner Malerei: die wilden Tiere, die angsteinflößenden Masken, der Tod und die Zerstörung, die sexuelle Triebe oder die explosive Kraft der Farben. Eine Urkraft bestimmt die Bilder, die kaum zu bändigen scheint. Dagegen steht seine figürliche Malerei voller Poesie und Anmut und spiritueller Kraft.
Die Vereinigung dieser Gegensätze gelingt Hans-Jürgen in seinem wiederkehrenden Symbol, dem Tschinco, zu sehen auf den Gemälden „Anarcho Hagal“ und „Tschinco Zentaur“. Unten ein Tierwesen oben ein Mensch, der das Wilde nicht beherrscht, sondern mit ihm eine unauflösbare Einheit bildet. In der Philosophie von Nietzsche sind es die zwei Grundkräfte der menschlichen Existenz: das Dionysische und Apollinische. Auf der einen Seite der Rausch, die Ekstase und auf der anderen die Ordnung und Klarheit.
Das Bild „Wächter wildes Kind“ zeigt einen riesengroßen schwarzen König außer Rand und Band im dunklen Mondlicht. Eine außer Kontrolle geratene wilde Macht, die einen in ihren Bann zieht, die Tore öffnet, bei denen es um Leben oder Tod geht. Das Erlebnis eines tosenden Gewittersturms von gewaltiger Kraft. Es ist wunderschön, dieses Bild zu betrachten. Und dann sind wir wieder im Apollinischen, in dem uns die Zusammenhänge und Bedeutungen bewusst werden können.
Hans im Bilde
Hans-Jürgen nennt das Dionysische gerne auch den Neandertaler in sich. Man kann es auch das große Unbewusste nennen, das sehr viele unserer Entscheidungen bestimmt. Da wir immer gerne die Kontrolle behalten wollen, brauchte es auch für Hans-Jürgen einige Hilfsmittel, um die unbewussten Quellen zu entdecken und zuzulassen. In frühen Zeiten waren es LSD-Erfahrungen, die die sichtbare Wirklichkeit in Frage stellen und zu Bildern wie „Hans im Bilde“ und „Urlaub im Freien“ führten. Die Bilder erinnern an den Phantastischen Realismus der Wiener Schule und wurden von Hans-Jürgen mit feinstem Pinselstrich gemalt.
Die Quelle
Diese frühen Rauscherfahrungen haben mit dazu beigetragen, dass Hans-Jürgen ein Bilder-Finder ist und nicht ein Bild-Erfinder. Hans-Jürgen ist nicht der Künstler, der vor einer weißen Leinwand sitzt und ein Motiv sucht. Er hat eine Quelle entdeckt, die sich nicht mehr schließen lässt, er ist seinen eigenen Bildern ausgeliefert und lässt sich überraschen von dem was von selbst kommt, von dem was schon da ist. Der größte Widerstand ist das Bedürfnis nach Kontrolle und das braucht einen Aus-Schalter.
Auch Alkohol ist eine Droge, ebenso Schlafentzug und laute Musik. Man kann mit links malen oder im Dunkeln, mit geschlossenen Augen oder die Farbtöpfe zufällig wählen. So entstehen viele von Hans-Jürgens Malgründen mit einem sehr lebendigen Pinselstrich, der dann auch im bewussten, ordnenden Zustand bestehen bleibt. Einer Linie oder einer Farbfläche ist es immer genau anzusehen, ob sie mehr mit Gedanken oder mit Gefühl gepinselt wurde.
Von 1970 bis heute
Die ersten Bilder aus der LSD-Zeit in den 70er Jahren sind von fließenden Formen und phantastischen Kreaturen bevölkert, dann folgen sehr poetische Bilder mit klar voneinander abgegrenzten Farbfeldern mit figürlicher Darstellung wie die Paarbilder „wo piept das Vögelchen?“ oder „sich in aller Ruhe einen gönnen“ (beide 1988). Später werden die Gemälde wilder und grausamer, die Farben verlaufen ineinander und innere Dämonen bevölkern die Leinwand wie „Hentopan grüßt den Rest der Welt“ (1990) oder „der innere Dialog“ (1994). Die ruhigen Buddha und Buddhinen Bilder stammen aus dem Anfang der 2000er Jahre und die Bilder aus den 2010er Jahren („nicht Ding“ und „jungwild“) sind souverän, klar und farbenfroh. Danach beginnt eine Phase der Abstraktion, die Nicht-Bilder, die aber immer noch einen Bezug zur Gegenständlichkeit besitzen. Exemplarisch dafür steht sein jüngstes Bild aus diesem Jahr, das 2434. Bild, das „Blühfeld“. Eine bunt gepinselte Farbmischung, die ein grenzenloses florales Wachstum zeigt.
Erkenne dich selbst
Viele Themen eines intensiven Lebens, die eins gemeinsam haben: Die Reise geht nach innen, was exemplarisch der Bogenspieler zeigt, der auf vielen seiner Bilder immer wieder auftaucht. Ein Bogen, der nicht als Waffe benutzt wird, auch wenn der kleine Mensch, wie im Bild „dem Tiere Freund der Bogenspieler“ von einem riesengroßen Tier bedroht wird. Er richtet den Bogen und den Pfeil der Erkenntnis gegen sich selbst und spielt Musik. Diese friedvolle Haltung entwaffnet und öffnet neue Wege, die Heilung versprechen.





