Das Schöpferische, das aus dem Nichts und dem Unfassbaren erwächst
März 2026
Bei der Begegnung mit Kunst kommt es zu ganz verschiedenen Reaktionen: Bewunderung, Ehrfurcht, Staunen, Unverständnis, Fragen, Nähe und Distanz. Manchen geht es so, wie nach einem Film, der ein offenes Ende hat. Enttäuschung darüber, dass die Geschichte ohne Happy End endet. Ein offenes Ende hinterlässt Fragen, wo wir doch gerne Gewissheit hätten. Und so ist es in der Kunst. Sie hat immer ein offenes Ende, sie ist vielschichtig und mehrdeutig. Poesie eben. Oder um es anders zu sagen: Wer die Welt erklären will, wird Wissenschaftler und kein Künstler.
In der Ausstellung „Calla“ von Christian Kromath in der Galerie Stammelbachspeicher in Hildesheim gibt es keine Eindeutigkeiten. Viel Farbe, viel weiße Fläche, Unordnung, schnelle Pinselstriche, krakelige Linien, amorphe Formen, linkische Buchstaben, unförmige Flecke und nichts, gar nichts Bekanntes. Ab und zu Tiere, Pflanzen, Figuren, Flugzeuge und Schrift – immer als kleines Puzzlestück eines großen Ganzen, das nicht entschlüsselt werden will.
Ist die Kunst von Christian Kromath abstrakt? Sie auf keinen Fall figürlich oder realistisch. Die Bilder lassen keine Rückschlüsse auf reale Begebenheiten zu. Seine Kunst ist aber auch keine Kunst um der Kunst willen, bei der der Fokus allein auf Form und Gestaltung liegt. Das sind dann interessante Kompositionen, meistens O.T. ohne Titel. Ganz anders bei Christian Kromath, der in Reihen und Zyklen arbeitet.
Zunächst erscheinen seine Bilder voller Freiheit und Spiel, doch sind sie ebenso das Ergebnis von Planung und Prinzipien. Planung und Prinzipien, weil sich Christian Kromath beim Malen für ein Thema entscheidet, das ihm viel Freiraum lässt. Das sind meist grundlegende Themen. Ihn interessiert der Riss als Trennung und das Blei als schwere und weiche Masse. Er widmet sich in seinen Reihen und Zyklen geometrischen Grundsätzen: den Achsen als räumliche Orientierung, dem Lot als das senkrechte Gewicht oder der Takelage als Gerüst eines Segelschiffes.
Und in dieser Ausstellung die Calla. Der Begriff Calla kommt aus dem Griechischen und bedeutet körperliche Schönheit, also das klassische Ideal, das die Kunst früher verkörpern sollte: das Wahre, das Schöne und das Gute. Das ist ein hoher Anspruch an das Genie, der Jahrhunderte lang galt. Die Moderne kann sich zwar noch darauf beziehen, ihn aber längst nicht mehr verwirklichen.
Calla ist aber auch der Name einer exotischen Blume mit einer einzigartigen Blütenform. Wie die Lotusblume steht die Calla für Reinheit und Erhabenheit trotz ihrer Herkunft aus schlammigen Untergründen. Nicht zuletzt hat sich auch die amerikanische Malerin Georgia O’Keeffe von der Calla in ihren Blumenbildern inspirieren lassen, die sich als eindeutig sexuelle Symbole deuten lassen.
In dem Bilderzyklus Calla geht es Christian Kromath natürlich nicht um die ungebrochene Darstellung der Schönheit einer Pflanze. Vielmehr um ein Prinzip von Wachstum und Lebenskraft und um das Schöpferische, das aus dem Nichts und dem Unfassbaren erwächst. Die moderne Physik sagt dazu „Dunkle Materie“, die einen Großteil unseres Universums füllt.
Als Beispiel ein Bild aus dieser Serie auf dem einige Buchstaben das Wort „Ballerina“ bilden. Am unteren Bildrand schwebt ein brauner Block aus einem heftigen, vertikal verlaufenden Pinselstrich, darin schwarze schnelle dünne Striche, darüber eine horizontale blaue Fläche mit verlaufender Farbe, ein kleines Zentrum von hellem Orange und eine dunkle Masse aus der heraus eine blutrote Linie zu einem rosa Fleck am oberen Bildrand läuft. An dem hängt eine gedruckte Reparaturanleitung.
Die Vorstellung der schönen Blume, die aus dem Morast erwächst ist voller Stereotypen, die Christian Kromath in seinen Arbeiten verweigert. Nichts Gewohntes, nichts Bekanntes, nichts Erwartetes ist zu sehen. Aber, wenn man so will, in diesem Bild eine Bewegung, ein Wachstum von unten nach oben, ein erdiges Dunkel als Fundament mit Wurzeln, ein sehr lebendiges Zentrum, eine filigrane zerbrechliche Linie nach oben und eine durch gedruckte Informationen verdeckte Blüte, die über allem schwebt.
Die Formen, die Christian Kromath malt, wirken oft einfach und wie von einem Kind gemalt. Genauso wie die Schrift, die krakelig, verdreht und schwer lesbar auf den Bildern erscheint. Christian Kromath beschreibt seine Arbeitsweise als ungelenk, gelenkt ungelenk, also absichtlich unbeholfen. Der erste Entwurf wird meist nicht verändert, sondern nur übermalt, nicht verfeinert, sondern in eindeutiger Geste so gelassen wie er ist. Schon Paul Klee ging es um die Rückkehr zur ursprünglichen und unverfälschten Ausdrucksweise der Kinder und das Vergessen des theoretischen Wissens und der handwerklichen Technik.
Beim Betrachten der Bilder und Collagen von Christian Kromath gibt es immer auch einen Bezug zur Musik. Allerdings keine Musik, die in Strophen und Refrains einem gängigen Muster folgt. Seine Bilder sind Jazz, der den Hörgewohnheiten widerspricht und neue Räume eröffnet, die zum aktiven Zuhören einladen.
Die Bilder von Christian Kromath bleiben rätselhaft. Aber sind sie ein Rätsel, das es zu lösen gilt? Nein, denn wir sind hier nicht bei Günter Jauch mit einer richtigen Antwort. Wir sind in der Welt von Christian Kromath, der die Offenheit liebt, den weder „die Gegenständlichkeit noch das ungegenständlich Abstrakte“ interessieren. Seine Malerei zwischen diesen Polen ist eine Gradwanderung zwischen Eindeutigkeit und Beliebigkeit. Und dieses Spiel beherrscht er meisterhaft.



