Zeichen für die Vergänglichkeit des Lebens

Oktober 1997

Rhythmisch reibt Metall auf Metall. Ein hell tönendes Geräusch, einmal schnell, dann wieder langsamer. Das Geräusch stammt von zwei Männern, die tief gebeugt vor einem Tisch stehen. Beim Näherkommen geben sie den Blick frei auf ein buntes geometrisches Gemälde. Das Geräusch stammt von langen Metallröhren, auf denen die Männer reiben und aus denen feiner bunter Sand rieselt. Das Bild, das auf diese Art entsteht, setzt sich aus feinsten Linien und Flächen zusammen. Was für uns ungewöhnlich ist, hat in Tibet eine jahrhundertealte Tradition: Das Sandmandala.

Im Rahmen der Tibet-Wochen zeigt das Glashaus die Herstellung eines Sandmandalas. Mandalas sind Jahrtausende alte geheime Symbole der tantrischen Tradition des Buddhismus und werden in Tibet bei rituellen Zeremonien eingesetzt. Im Glashaus entsteht das Sandmandala zu Demonstrationszwecken. Der Besucher bekommt vor Ort einen Einblick in die komplizierte Herstellungsweise, die ungeheuer viel Geduld und Ausdauer verlangt. Jedes Mandala besteht aus mehr als einer Millionen Pulver- und Sandkörnern. Der Tibeter Dorjee Sangpo und sein Schüler Nima Ngodup brauchen ungefähr 150 Arbeitsstunden, um das Mandala zu vollenden. Vor ihnen steht eine Schar kleiner Schälchen mit buntem Marmorpulver. Das Pulver wird in die konisch zulaufenden Metallröhrchen gefüllt und durch Reiben auf dem Röhrchen fließt das Pulver auf die Malfläche. Diese ist übersät mit geometrischen Linien und Flächen, eine präzise Vorlage für das Mandala des Buddha Amitayus.

Das Mandala ist kein gewöhnliches graphisches Kunstwerk, sondern vielmehr ein repräsentatives buddhistisches Gemälde über das Leben von der Geburt bis zum Tod. Es wird aus 16 verschiedenen Farben gebildet, die sich aus den fünf Grundfarben (blau, gelb, weiß, rot und grün) herleiten, die die fünf „subtilen Elemente“ repräsentieren, aus denen sich unser Körper zusammensetzt. Der theoretische Hintergrund des Sandmandalas ist für die meisten Europäer unüberschaubar, und so ist es gut, dass der Tibeter Dorjee Sangpo geduldig alle Fragen der Besucher zu beantworten weiß. Er ist ausgebildeter Thangka-Maler, in Tibet geboren und lebt seit 8 Jahren in Frankreich. In Tibet ist die Herstellung eines Sandmandalas eine religiöse Zeremonie, die von den geistigen Führern aufwendig begleitet wird. Im Glashaus fehlt dieser Hintergrund, aber eins haben beide Ereignisse gemeinsam: Nach der langen Herstellungszeit wird das wunderschöne Mandala wieder zerstört! Nichts, so sagen die Tibeter, währt ewig. Das Leben ist vergänglich und als Zeichen der Vergänglichkeit wird auch das Sandmandala wieder aufgelöst.

Der Aufbau des Sandmandalas kann im Glashaus noch bis zum Sonntag, den 12. Oktober verfolgt werden, ehe es dann am gleichen Tag um 17.00 Uhr zerstreut wird.

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