Wie ein Gang durch die Fußgängerzone

Juni 1997

In einem großen Rahmen hängen 36 postkartengroße Bilder. Das sind die Originale der Portraitminiaturen von Heiko Völz aus Hannover, dessen Ausstellung „Imago“ in diesem Monat im Rahmen der „Holle-Tage“ im Glashaus zu sehen ist. Von den Miniaturen hat Heiko Völz größere Drucke herstellen lassen, eine große Zahl von bunten Köpfen, die die Wände des Glashaus füllen. Die 36 Originale sind ein ganz kleiner Ausschnitt aus einem großen Projekt. Eintausend solcher Portraits hat Heiko Völz über Jahre bei allen sich bietenden Gelegenheiten hergestellt: zu Hause, im Zug, beim Essen und vielleicht sogar im Schlaf. Hinter so einem Projekt steckt nicht nur viel Fleiß sondern auch eine Art von Besessenheit.

Heiko Völz scheint von der Vielfältigkeit des menschlichen Gesichts besessen zu sein. Von den 36 Bildern gleicht kein Bild dem anderen, alle abgebildeten Männer und Frauen besitzen ihre eigene, unverwechselbare Persönlichkeit. Die Köpfe sind frontal, im Portrait oder einer ¾-Ansicht dargestellt, mit sehr viel Schwung gemalt und oft mit Strichen aus dem Kugelschreiber durchzogen. Die Malweise ist naturalistisch-expressiv, die Darstellung zeugt von einer genauen Beobachtungsgabe. Für die Qualität der kleinen Arbeiten spricht, dass sie in der Vergrößerung nichts von ihrem dichten Ausdruck verlieren.

Heiko Völz malt keine stereotypen, sicher wiederholenden Menschenbilder. Wie ist es möglich, dass der Künstler bei einer Reihe von 1.000 Bildern immer wieder neue und individuelle Köpfe erfinden kann? Die Antwort ist einfach: er erfindet nicht, sondern findet. Heiko Völz überlässt sich einem Prozess, der ihn unbewusst an die richtige Stelle führt. Nur wenn der Plan verschwindet und damit auch ein großer Teil des Willens, können Projekte wie die 1.000 Portraitminiaturen von Heiko Völz entstehen.

Die Ausstellung im Glashaus ist wie ein Gang durch die Fußgängerzone von Hildesheim. Auch da gehen tausend verschiedene Gesichter am Betrachter vorbei. Einige sind fröhlich, die anderen traurig, dann gibt es welche, die sind verträumt, zurückhaltend, fordernd, eigenartig oder verschmitzt. Die Bilder aus der Innenstadt verwirren in ihrer Vielfalt, weil sie nicht festzuhalten sind, weil sie ohne Ende immer wieder neu entstehen. Wenn man nach dem Einkauf in der Innenstadt in das Glashaus kommt, begegnen einem die Gesichter von neuem. Hier kann man sie aber in Ruhe anschauen und erkennt, dass jedes Individuum einzigartig ist.

Heiko Völz beurteilt die Menschen nicht, er stellt ihre Unterschiedlichkeit einfach nur dar. Deshalb passt diese Ausstellung so gut zu den „Holler Tagen“ und dem Motto, dass die Arbeiterwohlfahrt und die Gemeinde Holle gemeinsam vertreten. Die vielen verschiedenen Kulturen, die in Deutschland leben und hier eine Heimat gefunden haben sind eine Bereicherung des Lebens. Die Ausstellung ist ein  Appell, das Individuum, den einzelnen Menschen zu sehen und nicht die bedrohliche Masse.

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