Die Schönheit eines Spaziergangs mit Kopfhörern
März 2023
Nehmen wir einmal an, Sie sind Fotograf/in und wollen ein interessantes und schönes Foto machen. Sie sitzen auf einem romantischen Fischkutter und schauen durch ein altes Bullauge auf das aufgewühlte Meer. Ihre Kamera stellt scharf und Sie stellen fest, das Bullauge ist komplett verdreckt und die schöne Aussicht verschleiert. Sie können sich jetzt ärgern oder anfangen, das Glas zu putzen, um an ihr Bild zu kommen.
Ein Reportage-Fotograf wie Theodor Barth freut sich über die Dreckscheibe, denn sie erzählt eine Geschichte und er fotografiert sie so, wie sie ist. Seine Fotoausstellung „Argo“ ist voller Geschichten von den Menschen aus Poti, der georgischen Hafenstadt am Schwarzen Meer. Über einen Zeitraum von 2 Jahren hat sich Barth mit dem Leben der Menschen in Poti beschäftigt und daraus eine Reportage entwickelt, die zusammen mit Texten des Schriftstellers David Gabunia in der Zeitschrift mare 2020 veröffentlicht wurde.
Es gibt also eine Diskrepanz zwischen dem, wie wir die Welt sehen wollen und dem, wie die Welt sich uns präsentiert, genauso wie zwischen den Plänen, die wir machen und was sich in der Realität daraus entwickelt. Eine gute Fotografie, zumal wenn sie vom Leben der Menschen erzählt, hält sich an den Rat vieler Schriftsteller: Das Leben selbst erzählt die besten Geschichten. Der Fotograf entdeckt so die Wunder und Besonderheiten der sichtbaren Welt und hält sich selbst dabei zurück.
So ein Fotograf ist Theodor Barth, ein genauer und stiller Beobachter. Das Geheimnis seiner Fotos versteckt sich nicht hinter einer besonderen Technik, sondern in der Haltung mit der er fotografiert. Er fotografiert mit viel Ruhe und Zurückhaltung in der Tradition der Street Photography, die sich mit Menschen und Szenen auf der Straße beschäftigt. In Poti ist es mehr das Meer als die Straße und die Menschen, die dort leben und arbeiten. Sie sitzen in den Kajüten ihrer Boote und sind in ein Spiel vertieft, sie rauchen eine Zigarette im Regen an der Reling, sie stehen im Meer und ordnen ihr Netze, sie spielen Theater am Strand oder warten im hellen Licht des Kiosks im Hafen.
Neben den Hauptfiguren bestimmen viele einzelne Dinge die Fotos von Theodor Barth, die wie die Requisiten in einem Film eine hohe Bedeutung haben. So steht bei dem rauchenden Fischer ein Stillleben im Vordergrund, ein Eigenleben aus einer ungeordneten Dose mit Lappen, Schnur und Lampe. Ein alter Scheinwerfer, der sich zwischen der Schauspielerin und den 5 Mädchen auf den Cola Kisten aufbaut, wird zum interessanten Nebendarsteller. Ein Wirrwarr von unscharfen Schläuchen und einem rostigen Waschbecken füllt die Hälfte des Bildes der im Spiel vertieften Männer auf dem Boot. Eine romantische Bogenbrücke im Hintergrund der Mädchen auf der Bank im Stadtpark steht im starken Kontrast zu den dunkel leuchtenden Häusern im Hintergrund.
Die vielen zum Teil mit blendender Schärfe herausgearbeiteten Einzelheiten auf den Fotos von Theodor Barth erzählen eine Geschichte, die weit über die reine Abbildung hinaus geht. Sie vermitteln die Atmosphäre von Nähe und Intimität und erweitern die Bildaussage in Bereiche, die das Leben bestimmen und beeinflussen. Seine Bildwelten sind das Gegenteil von plakativ, sie sind angenehm tiefgründig und offen.
Da gibt es zum Beispiel das Foto eines sitzenden Mannes mit einem notdürftig verbundenen Auge und Zigarette in einem ärmlichen Zimmer. Ein alter Eisenofen, die geflickten Vorhänge und eine trocknende Jeans sind die einzigen Requisiten, die von seinem harten Leben erzählen. Eins der seltenen Fotos ohne Menschen zeigt ein halbvolles Aquarium mit nichts mehr als 6 roten Fischen. Eine Metapher für die Welt in Poti, in der das Leben nicht mehr durch den Reichtum des Meeres und des Handels sondern durch Armut und Überlebenswille bestimmt wird. Auch das türkise Zimmer, in dem ein alter Mann in blauem Gewand einem jungen Mädchen Unterricht im Volkstanz gibt, erzählt seine Geschichte voller Kargheit und Anmut.
Die Fotos von Theodor Barth strahlen Würde und Erhabenheit aus. Nicht zuletzt durch ihre weiche und intensive Farbigkeit sind sie voller Schönheit. Das ist aber nicht die normierte Schönheit geglätteter Haut oder optimierter Bildbearbeitung, sondern die Schönheit eines Spaziergangs mit guter Musik und Kopfhörern. Denn dann offenbart sich in den besten Fällen der sinnstiftende und nicht erklärbare Zusammenhang von allem mit allem.




