Formale Strenge und Lebendigkeit

Juni 2000

Wie sehen Bilder von Paaren aus, die sowohl zusammen leben als auch zusammen arbeiten? Entwickelt sich ein gemeinsamer Stil? Gibt es gänzlich unterschiedliche künstlerische Utopien bei gleichen Lebenszielen? Beeinflussen sich beide gegenseitig in ihrer Arbeit oder kommt es zu Abhängigkeiten? Diesen Fragen geht die Ausstellungsreihe „Künstlerpaare“ im Glashaus nach, die zur Zeit Arbeiten des Ehepaares Ingeborg und Hartwig Ullrich vorstellt.

Schon auf den ersten Blick ist den beiden Künstlern aus Dinklar eine in sich geschlossene, fast sakrale Ausstellung im Glashaus gelungen, die sich durch Reduktion und formale Strenge auszeichnet. Ingeborg Ullrich zeigt Zeichnungen, Hartwig Ullrich Skulpturen. Indem sich beide in einem ganz unterschiedlichen Material ausdrücken, entsteht eine ergänzende Gemeinsamkeit, die belebt und anregt. Ausgangspunkt beider Künstler ist das Naturstudium, das zu organischen und belebten Bildern, bzw. Objekten führt. Formale Strenge und Lebendigkeit sind die Pole, zwischen denen sich sowohl Ingeborg als auch Hartwig Ullrich bewegen. Diese Spannung ergibt die Qualität und Tiefe ihrer Arbeiten.

Im Mittelpunkt der Arbeiten von Ingeborg Ullrich steht ein Tableau aus 6 Bildern, das aus einem verschachtelten Bildsystem besteht. Der Mensch steht im Mittelpunkt dieses Werkes. Mehrere kleine Aktzeichnungen sind vor einem transparenten Hintergrund angeordnet, der aus einer dichten Struktur schwarzer Striche besteht. Wie durch eine Lupe betrachtet, könnte der Hintergrund eine Ausschnittsvergrößerung der Körperlandschaften auf den kleinen Bildern darstellen. Diese Arbeit besticht durch den Kontrast feiner und nerviger Zeichnungen und der dahinter liegenden Schwere der Struktur. Beide sind voneinander abhängig und ergeben ein Menschenbild, bei dem Kraft, Anstrengung und Leidenschaft die menschliche Struktur bestimmen. Eine Spur abstrakter geht es bei einer Serie von 9 farbigen Zeichnungen zu. Hier wird eine amorphe Masse, in sich geschlossen und verletzlich, von schwarzen Balken umrahmt, eingeschlossen und gehalten. Durch die konstante Wiederholung eines Bildthemas ergibt sich eine lebendige Vielfalt. Variation nicht als pure Wiederholung, sondern als Vertiefung, Erweiterung und Ergänzung. In ihrer radikalen Begrenzung eines Themas vermittelt Ingeborg Ullrich die unermessliche Bandbreite des Mit- und Gegeneinanders und die beruhigende Notwendigkeit von Gegensätzen.

Zwischen den Säulen des Ausstellungsraumes stehen die Säulen aus Granit und Muschelkalk von Hartwig Ullrich. Diese Arbeiten entfalten sich ganz langsam aus einer festen, langgestreckten Form. Fast unmerklich entwickelt sich aus einem festen Körper eine feine Aufteilung mit einer zurückhaltenden Krone. In dieser Einfachheit liegt die Kraft dieser Objekte. Sie sind organisch, rund, streng und schön. Die gewachsenen Formen strahlen Feierlichkeit und gelassene Heiterkeit aus, die sie aus dem täglichen Einerlei weit herausheben. Am Ende des Raumes begrüßen drei helle Marmorsteine den neugierigen Besucher. In diesen Arbeiten gelingt Hartwig Ullrich die Quadratur des Kreises. In einem rechteckigen Block befindet sich in der Mitte ein kleines Loch. Von beiden Seiten führen feine Vertiefungen zu der Mitte hin – eine Stilisierung des Ohres. Fast könnte man meinen, der Stein hört. Die Reduktion des Objektes auf wesentliche Grundformen wird in den Arbeiten von Hartwig Ullrich nie formal, sie führt viel mehr zu einer Lebendigkeit des Ausdrucks und der Beseelung des Steines.

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