Die Unberechenbarkeit des Lebens

April 2002

Phantastische Wesen tummeln sich auf leuchtenden Bildern. Doppelköpfige, Vogelmenschen und Comicfiguren treiben ihr spaßiges Unwesen auf buntem Dekor. Diese fröhlich anmutende Malerei ist zurzeit im Glashaus ausgestellt. Ihr Urheber: Der Künstler Rolf Jahn aus Köln, der sich zunächst zum Maler und Lackierer ausbilden ließ und dann Freie Kunst an der Fachhochschule in Köln studierte.

Rolf Jahn hält sich an keine kunstgeschichtlichen Vorbilder oder Stilrichtungen. Seine Bilder entstehen aus einer inneren Bilderwelt, die der Künstler in einer Unzahl von Zeichnungen findet. Aus schwungvoll gezeichneten Linien entstehen seine Bildthemen. Dabei ist der Zufall ein willkommenes Hilfsmittel. Wie Kinder aus einfachen Linien Gesichter zum Leben erwecken, so nimmt Rolf Jahn seine spontanen Zeichnungen als Vorbild für seine Gemälde. Der Hintergrund seiner Bilder besteht fast immer aus einer ornamental gemusterten Schicht mit knalligen Farbzonen. Eine lebendige Grundstruktur aus Streifen, Kreisen und Punkten wird ständig wiederholt. Darüber stehen spielerisch-phantastische Figuren, die mit einer schwarzen Umrisslinie von ihrer Umgebung getrennt sind. Das Innere dieser Körper ist flächig mit Punkten und Farben gefüllt.

In dem  Bild „Marathonläufer“ tanzt eine Figur mit gespaltenem Kopf vor einem wild gefleckten Hintergrund. „Frisch frisiert“ heißt ein anderes, in dem ein grüner Kopf von einer riesigen roten Haarpracht eingerahmt wird, die sich als zwei große Fische entpuppen. Dahinter ruht eine tiefe in verschiedenen Blautönen gepunktete Ebene. Die Figuren von Rolf Jahn sich flächig, einfach und erinnern an lustige Comics. Sie wirken skurril und hilflos. In einer ganzen Bilderreihe beschäftigt sich Rolf Jahn mit dem Thema „Herrchen und Hund“. Aus dieser Serie ist im Glashaus ein Bild ausgestellt, in dem sich ein überdimensionaler Körper auf einen kleinen, gebrechlichen Stock stützt. In dieser Schräglage hält er an seiner Leine einen grünen Hund mir roten Punkten, der treu zu ihm aufblickt. Die Bilder von Rolf Jahn sind voller Situationskomik, die aber mehr will, als nur erheitern. Allen Figuren ist etwas Absonderliches gemein: sie haben mehrere Köpfe, verformen sich zu Tierwesen oder sind eigenartig verrenkt. In dem Bild „Der freie Fall“ stürzt eine Frau vor einem schwarz-rot-gelben Hintergrund ins Bodenlose – ihre Haltung ist ganz entspannt und ruhig angesichts einer an sich lebensbedrohlichen Situation. So heiter die farbige Welt von Rolf Jahn auf den ersten Blick zunächst erscheint, so tiefgründig ist sie auf den zweiten. Humor ist oft eine Haltung, die aus erfahrenem Leid entspringt. Die Figuren auf den Bildern von Rolf Jahn begegnen der Unberechenbarkeit des Lebens mit eigenwilligen und unkonformen Haltungen. Sie tanzen, sie vermählen sich mit Tieren, sie wirken hilflos-erstaunt und schauen mit großen Augen in die bunte Welt.

Die Bilder von Rolf Jahn haben einen kindlichen Charme der sich auf das Wesentliche beschränkt. So ist es kein Wunder, dass sein großes Vorbild Paul Klee ist, der zur Ursprünglichkeit des kindlichen Ausdrucks zurück strebt. Rolf Jahn nennt seine Malerei „Raldysmus“ – ein Wort aus der Kindersprache entlehnt oder um es mit einem Kritiker zu sagen: „Raldystische Kunst ist Kunst mit Spaß gemacht“ und die „absolute Verherrlichung des Individuellen.“