Trauer umgeben von Schönheit
Oktober 2003
Als ich zum ersten Mal die Bilder von Zinate Engel sah, war ich gleich begeistert und fasziniert. Was, so frage ich mich im Nachhinein, hat mich auf den ersten Blick so angezogen? Ich glaube es ist die Fremdheit des Blicks, der Farben und Formen. Es ist ein wohltuend anderer Blick auf die Wirklichkeit. Es ist eine meditative Stille voller Intensität. Beim Betrachter der Bilder von Zinate Engel habe ich sofort ein Bauchgefühl und keine intellektuellen Gedanken über Kunst und ihre Bedeutung.
Das Gefühl, das sich bei mir einstellt, ist angenehm. Vertraute Fremdheit, tiefe Stille, Ruhe und Eindringlichkeit. Ich komme selber zur Ruhe und heraus aus einer eiligen Bildbetrachtung. Bei aller Schönheit die mir entgegentritt, bemerke ich Leid, stilles Leid. Die Bilder sind wie ein stummer Schrei. Das Gefühl, das sich bei mir eingestellt hat, kann ich erst jetzt benennen: es ist Trauer, Trauer umgeben von Schönheit.
Das zentrale Bild dieser Ausstellung ist ohne Titel. Es braucht ihn auch nicht. Die Aussage ist eindeutig und seit den drei Affen, die sich den Mund, die Augen und die Ohren zu halten, auch weithin bekannt. Hier ist ein dunkler Kopf im Profil abgebildet: von vielen Farben durchzogen, durch die Farbigkeit von der Umwelt getrennt und doch eins mit ihr, das Gehirn als bunter Kontrast zum dunklen Körper. Wie Pflaster kleben helle Hände auf dem Mund, auf dem Auge und auf dem Ohr. Die enge Verbundenheit mit dem Körper lassen die Hände nicht wie Fremdkörper erscheinen, zumal der dazugehörige fremde Körper fehlt.
Es wäre ein Leichtes, die Bilder der Iranerin Zinate Engel als eine Kritik an persischen Verhältnissen zu deuten. Da stehen verschleierte Frauen stumm und bewegungslos herum, da sind Mund und Nase mit dicken Bändern umhüllt, da erhebt sich klagend eine Frau zwischen zwei sitzenden Gestalten. Mit einer politischen Deutung der Bilder von Zinate Engel wird man ihrer Kunst aber nicht gerecht. Eine politische Deutung erschafft gerade die Distanz zu den Bildern, die die Künstlerin aufheben will. Es geht um persönliche menschliche Schicksale und Geschichten, die uns alle angehen, ob wir im Iran oder in Deutschland leben. Die Malweise von Zinate Engel ist orientalisch: die Bilder sind voller Ornamente, sie sind gewoben wie ein Teppich und flächig. Ihnen fehlt jegliche Perspektive, die Figuren sind entweder frontal oder im Profil abgebildet. Das hat alles nichts mit westlicher Maltradition zu tun. Mit dem orientalischen Blick sind aber nicht gleich orientalische Themen verbunden. Zinate Engel lebt seit 33 Jahren in Deutschland und versteht sich als eine internationale Künstlerin mit iranischer Kindheit.
Dass Leid auch nicht immer stumm ertragen werden muss, zeigt das Bild „Sichtbare Grenze“. Hier sitzen zwei Gestalten sich gegenüber, den Kopf nach vorne gebeugt, still verweilend, ihr Schicksal stumm ertragend. Doch zwischen den beiden erhebt sich aus dem Grund eine klagende Frau, den runden Mund weit geöffnet mit breit ausgestreckten Armen, die Augen groß geöffnet. Die Grenze verläuft zwischen diesen zwei Haltungen. Wir alle können Leid nur bis zu einem bestimmten Maß ertragen. Ist dies überschritten, verwandeln wir uns in das Klageweib, das seinen Schmerz laut herausschreien muss.
Und über allem thront die Leben spendende Mutter. Das große Abbild der „Mutter“ überragt die Ausstellung im Glashaus. Eine breit sitzende und thronende Frauenfigur, königlich erhaben, sitzt aufrecht in einem weiten farbenprächtigen Umhang. Darin eingewickelt und erst auf den zweiten Blick erkennbar, zwei Kinder, die an den weißen Brüsten gestillt werden. Kinder und Mutter sind eine Einheit, miteinander verwoben. Hier ist die Macht der Frau als Mutter dargestellt, ein archetypisches Frauenbild, nährend, Richtung weisend, von dem die Kraft und das Leben ausgehen. So sind alle Mütter!



