Kaffee in der Kaffeetasse oder die Ordnung des Chaos

April 2004

Die Ausstellung passt. Sie passt zum Ort: Kaffeesatz im Café im Glashaus. Dort, wo es hauptsächlich um Kaffee und seine Zutaten geht, stellt Angelika Wolf aus Hannover ihren Bilderzyklus „Moccaoracles“ aus, digitale Prints von unendlich vielen Resten von Kaffee in der Kaffeetasse.

Die Ausstellung „Moccaoracles“ ist streng durchkomponiert. Sie ist beinahe eine wissenschaftliche Ausstellung, gleichzeitig aber auch eine mystische und eine witzige. Worum geht es? Es geht um den Kaffeesatz und die Kaffeesatzleserei. Also um die Deutung der Zukunft, wie das Lesen aus der Hand oder den Innereien eines Tieres oder den Stäbchen des I-Ging. Angelika Wolf liefert eine nahezu wissenschaftliche Aufbereitung der Ergebnisse. All ihren Bildern sind die Entstehungsdaten in kleinen Symbolen beigefügt: das Sternzeichen und die Mondphase in dem der Kaffee zubereitet wurde, der Kaffeemahlgrad, die Kaffeetropfzeit, die Raumtemperatur, das Datum, die Uhrzeit und die Farbe der Kaffeetasse. Dann kommt das Ergebnis: eine geheimnisvolle braune Form in weißem Grund. In einigen Bildern wird angegeben, für oder von wem der Kaffe gemacht wurde und am Schluss steht der Bildtitel, die Bedeutung des braunes Flecks: ein „wildes Tier“, eine „Vulkanlandschaft“, ein „Troll“, eine „Indianer“ oder ein „Einhorn“.

Mit dem ausschließlichen Focus auf den Kaffeesatz taucht der Betrachter in die wunderbare Welt des Mikrokosmos. Wie unter einem Mikroskop verwandelt sich Alltägliches, Altbekanntes in Geheimnis und Poesie. Mit ihren Moccaoracles wagt Angelika Wolf nicht weniger und nicht mehr als eine Ordnung des Chaos. Was natürlich ein Widerspruch ist. Aber es gibt die Chaosforschung, die Erforschung der unendlichen Möglichkeiten einer nicht vorhersehbaren Zukunft. Nach dem Prinzip „Sag’ mir was du siehst und ich sag’ dir wer du bist“ erschließen sich die unbekannten Seiten einer Person und Angelika Wolf führt uns mit ihren Bildern auf diesen Weg. Es ist erstaunlich, wie deutlich diese Visionen werden, die sie in der Kaffeetasse fotografiert. Es ist wie das Spiel des Kindes, das Gesichter in den Wolken sieht oder wie ein Fieberkranker, der lebendige Formen aus der Gardine deutet. In ihrer akribischen Aufarbeitung des Zufallprinzips ordnet Angelika Wolf das Chaos ohne es zu zerstören. Die wunderbare Welt der unendlichen Möglichkeiten wird von ihr an die Oberfläche geholt und gleichzeitig ihr Geheimnis bewahrt.

Jetzt kann sich der Betrachter auf den Weg machen, seine eigenen Deutungen zu wagen. Entweder auf den Bildern in der Ausstellung die ohne Titel und Deutung sind oder in seiner eigenen Tasse Kaffee, die er selber trinkt.

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