„Ich denke oft an Moby Dick“, sagt Julian Schnabel
Juni 2025
Sie steht im Haupteingang des Kunstmuseums Schloss Derneburg und mitten im Weg. Hochaufragend, dunkel und gefährliche 6 Meter hoch. Gestützt auf einen zerbrechlichen Stab droht sie umzustürzen. Eine Art Riesenphallus türmt sich auf wie ein Hindernis, an dem niemand vorbeikommt.
Was zunächst ganz und gar unnahbar erscheint, erklärt sich durch ihren Titel: „Ahab“ heißt die Skulptur aus Bronze von Julian Schnabel aus dem Jahr 2001. Die Arbeiten von Julian Schnabel drehen sich oft um große geschichtliche Personen, Mythologien und menschliche Leidenschaften. Aus ihren Geschichten formt er monumentale, schwere, expressive Figuren, die meist aus natürlichen Fundstücken zusammengesetzt sind. Mit dabei Napoleon, Macbeth, Galileo, Balzac, Oliver Cromwell, Helena und hier Ahab, der unerbittliche Jäger des weißen Wals aus Melvilles Roman „Moby Dick“.
In dem berühmten Roman geht es um den besessenen und von Rache getriebener Kapitän Ahab, der sich mit seinem Holzbein an das Schiff fesselt, eine unbezwingbare und unberechenbare Natur, den Kampf auf Leben und Tod, die Auflehnung gegen Gott, menschlichen Größenwahn und unersättliche Gier, die Vermischung von Realität und Wahnsinn, biblische und mythologische Anspielungen. All das findet seine vielschichtige bildliche Entsprechung in der Figur des Ahabs von Julian Schnabel.
Die dunkle 3-teiligen Form aus einem wenig geerdeten organischen Fundament mit einem darauf stehenden eckigen Brocken und einer baumähnlichen stachligen Spitze, nur gehalten von einem scharfen, dünnen Stab in einer Art tierischem Maul strotzt vor Gewalt und Zerbrechlichkeit. Die Skulptur strebt mit all ihrer Schwere nach Höherem, eine schräg stehende schwerfällige hoch aufgerichtete Kraft, die jeder Zeit zusammenbrechen könnte. Eine abstrakt tierische Gestalt mit wenig Menschlichkeit, an der weiße Patina wie Blut herunterläuft. Darauf eine grob befestigte heilige Tafel mit der Inschrift „MISERICORD“, ein Begriff sowohl für Barmherzigkeit als auch für den Dolch, der für den Gnadenstoß des verwundeten Ritters verwendet wurde.
Keine Frage, der Roman von Melville hat Julian Schnabel tief beeindruckt. Sein Gemälde „Ahab“ zeigt auf einer 13 x 12 Meter großen Leinwand aus gebrauchtem Segeltuch stilisierte Formen eines schwarzen Wals und eines weißen Schwans. Eine andere Skulptur ist dem Harpunier Queequeg aus Moby Dick gewidmet, ein fruchteinflößender Ureinwohner Polynesiens mit großem Herzen, der den gleichen runden Sichelkopf besitzt, wie die Figur des „Golems“ im Garten des Kunstmuseums Schloss Derneburg.
Julian Schnabel „Ahab“, 2001, bronze with patina (608 x 312 x 138 cm)



