Die Spannung zwischen Chaos und Ordnung

Mai 2005

Viele haben sich ganz und gar der Jazzmusik verschrieben, doch wenige so wie der Maler Jürgen Born. Zwar liebt auch er Jazzmusik und wird viele Konzert besucht haben, doch seine Leidenschaft für die Musik überträgt er auch auf die Malerei: er malt die bekannten Jazzgrößen nicht nur, sondern passt sich auch in seinem Malstil an die Musik des Jazz an.

Gleich im Eingang empfangen den Besucher 11 kleinere Portraits von Jazzmusikern. Wer sie kennt, wird sie auch auf den Bildern von Jürgen Born wieder erkennen: Louis Armstrong, John Coltrane, Miles Davis, Duke Ellington, Charlie Parker, Ella Fitzgerald oder Billie Holiday. Auf farbig verwischten Hintergründen treten die Figuren mit ihren Instrumenten hervor: Gitarre, Schlagzeug, Saxophon, Bass, Posaune und Stimme. Die perfekte Wiedergabe von Haltung und Ausdruck macht schnell deutlich, dass der Maler Jürgen Born Fotografien als Vorlage für seine Arbeiten nimmt. In einer Reihe von großen Künstlern ist er der Dritte im Bunde. Da ist zunächst die Musik, live auf der Bühne, die Quelle und der Ausgangspunkt von allem. Dann kommt der Fotograf, der entscheidende Momente voller Hingabe und Ausdruckskraft festhält. Und dann kommt Jürgen Born, der aus diesen Fotos Bilder macht, die die ganze Faszination der Jazzmusik durch den Ausdruck der Farbe und die Lebendigkeit der Farbschichten im Bild wieder zum Leben erweckt.

Besondere Merkmale des Jazz sind die Improvisation und die Spontaneität des Ausdrucks. Jazz lässt sich nicht festlegen und lebt vom Moment des Entstehens. Jazz ist stark durch die Individualität des Musikers geprägt, der seine eigene Person mit in das Spiel mit einbringt. Wie überträgt Jürgen Born diese Qualitäten in seine Bilder? Einfach gesagt: Jürgen Born überträgt in seine Bilder die Spannung  zwischen Chaos und Ordnung. Es gibt viele Menschen, die den Jazz nur als eine unzusammenhängende und verwirrende Anreihung von Tönen hören und dann sofort „Free-Jazz“ sagen. Der Jazzfreund und aufmerksame Zuhörer aber hört und empfindet Harmonie, eine unbekannte, manchmal nie gehörte Harmonie, die sich aus dem Wunder der Unendlichkeit der Töne ergibt. Es gibt immer wieder dieses unbekannte Land, wo keine Erwartung erfüllt wird, in dem alles neu ist. Wer sich aber auf dieses Neue einlässt, wird Ordnung und eine übergeordnete Harmonie darin finden, die Momente des Glücks hervorbringt.

Genau dass passiert in den Bildern von Jürgen Born auf der farblichen Ebene. Man muss sich die Leinwand nur einmal aus der Nähe anschauen. Da werden die Farben in wildem Gestus auf die Leinwand gespachtelt. Wenig Übermalungen und keine Korrektur. Da verlaufen die Strukturen in wilden Rhythmus und vibrieren vor Lebendigkeit. Ein Strom von Farbe entspringt der Posaune und von der Gitarrenhand spritzen die Farben nur so weg. Der Hintergrund auf Jürgen Borns Bildern ist der Klangteppich des Jazz. Verspielt, nahezu undurchschaubar, vielschichtig und zum Platzen lebendig. Daraus heraus lösen sich die Figuren, etwas schärfer und ruhiger gemalt, aber immer noch von der gleichen Struktur durchdrungen. Ein Stilmerkmal von Jürgen Born ist die Dopplung der Gesichter. Wie eine Doppelbelichtung ist das zweite Gesicht verwischt und verstärkt den Eindruck von Bewegung und Geschwindigkeit.

Herausragendes Beispiel aus einer langen Serie von Jazzbildern ist das Portrait von Jimi Hendrix, ein farbenprächtiges, nahezu psychedelisches Gemälde. Die Wildheit der ineinander verlaufenden und explodierenden Farben steht in einem fast nicht auszuhaltenden Kontrast zu der Ruhe und Klarheit der Figur. Genau so stand Hendrix auf der Bühne: Ruhig, konzentriert, die Augen geschlossen und aus seiner Gitarre jaulte die amerikanische Nationalhymne wie der Überflug eines Kampfflugzeuges. In allen Bildern zelebriert Jürgen Born die Hingabe der Musiker an die Musik. Er überträgt den Rhythmus der Musik auf den Rhythmus der Farben: fließend, pulsierend, abrupt wechselnd, wiederholend und swingend. Seine Farben sind Musik.

Mit der Ausstellung „Jazz Colours“ bringt Jürgen Born die Faszination der Jazzmusik in das Glashaus. Nach einem Gang durch die Ausstellung möchte man am liebsten gleich in das nächste Konzert laufen, um sich von der Kraft und Schönheit des Jazz beleben zu lassen.