Henkersbräute und Buddhas

November 2024

Ein Abschied ist immer auch ein Ende. Aber auch ein Neuanfang, wie Herrmann Hesse sagt: „Nimm Abschied und gesunde“. Wer „abschiedlich lebt“, wie die Ausstellung von Hans-Jürgen Schmejkal im Glashaus heißt, der hat den Wandel und die Veränderung in seinen Alltag integriert. Seine letzte Ausstellung im Glashaus ist ein Abschied von der Zusammenarbeit mit dem Leiter des Glashauses, Martin Ganzkow. Doch malen wird Hans-Jürgen Schmejkal, bis ihm der Pinsel aus der Hand fällt. Im Glashaus sind nun Bilder aus der Zeit von 1978 bis 2024 zu sehen.

Am Anfang die Muse

„Eine Muse“, sagt Wikipedia, „ist eine Person, die einen anderen Menschen zu kreativen Leistungen anspornt oder inspiriert. Oft finden sich Musen, vor allem Frauen, im Umfeld von Künstlern.“ So auch bei Hans-Jürgen Schmejkal, der sich gerne von Frauen inspirieren lässt. Einmal hat er eine ganze Ausstellung seiner damals aktuellen Muse gewidmet, die er ganz im Gegensatz zu seiner sonstigen Malerei mehr in verführerischer Unschuld als in provokant erotischer Geste zeigt. Die offene Darstellung von Sex und Wildheit in seinen Bildern bezieht sich aber immer auf die Macht des Unbewussten, auf Mythen und Geschichten. In dem Bild „Schönheit eint“ geht es dagegen um das Abbild einer konkreten Person. Und da wird der Künstler ganz zart, vorsichtig und zurückhaltend. Die entspannt liegende Frau mit geschlossenen Augen und rotem Bund stellt sich schlafend und gibt sich (nur) dem bewundernden Blick des Betrachters hin.

Ars amandi – die Liebeskunst

Das es auch anders geht, wird in dem Bild „Lebendigkeit stirbt nicht“ nur allzu deutlich. Hier tummeln sich schnell gemalt viele Gestalten, die es miteinander treiben. Geschlechtsteile hier und da, über- und unter- und ineinander verschlungene Leiber, gemalt mit lebendig schwarzen Linien auf rotem Grund. Eine Orgie. Doch das Erstaunen des Malers gilt nicht dem Sex, vielmehr der Tatsache, dass er genau das Motiv auf einem etruskischen Grab entdeckt hat. Wie so fragt nicht nur er sich, ist es möglich, den Tod und die Toten mit der Darstellung sexueller Handlungen zu ehren? Im Vergleich zur zeitgenössischen deutschen Grabkultur ein Gegensatz, der größer nicht sein könnte. Der bildnerische Einblick in eine ganz andere Kultur bringt ins Bewusstsein, dass unser eigenes Selbstverständnis nur allzu begrenzt ist.

Im Zentrum der Buddha

Buddha- und Buddhinenbilder sind ein beliebter Schwerpunkt der Malerei von Hans-Jürgen Schmejkal. Hier kommt das zur Ruhe, was in den anderen Bildern aufgewirbelt wird. Der Buddha „Gewalt in Liebe wandeln“ harmoniert mit einer lebendigen Malweise, die wie ein Koan die lärmende Stille zeigt. Der Bildaufbau ist nicht symmetrisch, sondern die Figur sitzt etwas abseits der Mittelachse. Ein wirbelndes Meer von Farben mit dem Kopf des Buddhas als Zentrum der kreisenden Bewegung umfließt die Figur. Dort, wo das Herz sitzt, herrscht keine Ruhe, sondern ein Gewirr von weißen, schwarzen und gelben Linien. So bändigt die Figur das Chaos im Innern, denn Versenkung bedeutet nicht die Abwesenheit von Gefühlen. Vielmehr wird dem Buddha durch innere Einkehr das gewahr, was ist.

Die Henkersbräute

Viel weltlicher geht es da bei den Henkersbräuten zu. In 5 Hochformaten tanzen barbusige wild-fröhliche Frauengestalten in bunter Körperbemalung durchs Bild. Eine davon eine ruhige Madonna, eine andere eine schwarze Totengestalt. Diese von der Gesellschaft verstoßenen und zum Tode verurteilten Hexen sind noch ganz lebendig und feiern sich und ihre Andersartigkeit – schamlos, frei und unbeschwert. Befreit von Konventionen und Gesetzen sind sie unberechenbar und grenzenlos. Und nicht einfach im Umgang.

Die Ruine

Das größte Bild der Ausstellung „Wolfgang und Carola in der Ruine“ stammt von 1978, als der Maler in Westberlin noch als Kellner arbeitete. Die Eindrücke eines gesetzlos-chaotischen Kneipenlebens hat Hans-Jürgen Schmejkal sowohl in seinem Buch „Ruine“, als auch in vielen seiner Zeichnungen und Gemälden verarbeitet. Eigentlich sind hier nur 3 Menschen abgebildet: ein großer, fleischlicher, gelb-roter Körper mit nacktem Schädel, ein Mann, der dicht gedrängt an dem weißhäutigen Leib einer Frau mit schwarzem Haar und rotem Umhang sitzt. Am Rand eine stehende Figur als Beobachter der Szene. Das Besondere an diesem Bild: die Körper scheinen, so wie die Uhren von Dali, zu verlaufen. Sie sind arg deformiert und fließen mehr als dass sie Bestand haben. Dem Auge fällt es schwer, die Körper zu erkennen und festzuhalten, wie in einem Rausch, in dem die Realität langsam zerfließt.

Georg Baselitz und sein Hund

Lange Zeit lebte Hans-Jürgen Schmejkal in direkter Nachbarschaft zum Künstler und Schlossherren Georg Baselitz. Ein direkter Austausch zwischen den zwei Künstlern war nicht möglich und so beschränkte sich Hans-Jürgen Schmejkal auf die schriftliche und bildnerische Auseinandersetzung. Ein Ergebnis davon ist das Diptychon „Herr und Hund“, das einen Mann und einen großen Hund zeigt. Ein „Herr und Hund Verhältnis“ ist ein Machtverhältnis, über das es sich sowohl auf individueller als auch gesellschaftlicher Ebenen nachzudenken lohnt. Der Hund auf dem Bild ist Eingeweihten unschwer als Diego, einer von Baselitz Mastiffs, zu erkennen. Große sabbernde und hängende Lefzen und ein trauriger Blick, eine ganz ruhige Figur vor einem quirligen Hintergrund. Daneben der Schlossherr in schwarzem Umhang mit einer Blume im Revers, umrahmt von einem roten Vorhang, wie auf der Theaterbühne. Auf dem goldenen Gesicht, das den Betrachter anschaut, sind wenig Emotionen zu entdecken, ein Pokerface, das mehr noch als der ehrfürchtige Hund, Abstand gebietet.

Die Wahrheit als Unverborgenheit

Zu guter Letzt gibt es noch 3 neue Bilder aus dem Jahr 2024. Nach langer und bedrohlicher Krankheit ist Hans-Jürgen Schmejkal wieder in das Leben zurückgekehrt und ein solches Erlebnis wirkt sich natürlich auf seine Malerei aus. Die neuen Bilder beziehen sich auf den griechischen Begriff Aletheia, die Wahrheit. Aus schnellen und breiten Pinselstrichen, aus einer abstrakten Verspieltheit formt sich ein königlicher Kopf, ein monochromes gold-schwarzes Portrait voller Klarheit und Erhabenheit. Mit dem Untertitel „Unverborgenheit“ erweitert der Künstler den Begriff Wahrheit, um das, was offensichtlich ist. Etwas, das unverborgen ist, versteckt sich nicht und muss nicht gesucht werden, weil es ja schon längst da ist. Genau das ist die Lebenshaltung des Bilder-Finders, Hans-Jürgen Schmejkal.

Eine vollständige Übersicht der 31 Ausstellungen im Glashaus von 1990 bis 2024 in Wort und Bild gibt es in dem Buch „erscheinen“ von Hans-Jürgen Schmejkal im epubli-Verlag.

Cookie Consent mit Real Cookie Banner