Der organische Zufall

Juni 2024

Es sind die Zutaten, die ein Gericht ausmachen. Die Zutatenliste der Bildobjekte von Katharina Lob ist lang und erstaunlich. Aus der Flora kommen Mohnblumen, Orchideen, Pflanzen, Blüten, Moos, Salz, Federn, Steine, Äste, Gräser und Holz. Das Ganze gewürzt mit metallischen Lösungen aus Eisen, Kupfer oder Bronze, versetzt mit Rost, Mörtel und Kleber und als Abschluss garniert mit Acrylfarben, Tuschen und Lacken. Aber nicht alles auf einmal, sondern wohlgemischt zum Wohle des Betrachtenden.

Katharina Lobs Arbeiten im Glashaus lassen sich in 2 Gruppen einteilen: zum einen auf festen Grund gemalte, geformte und geklebte Reliefbilder, zum anderen in zwei Plexiglasscheiben eingeschlossene Bildwelten, durch die man von beiden Seiten hindurchschauen kann. Allen gemeinsam ist die Hingabe an natürlich gewachsene Formen und Strukturen, die Katharina Lob in ihre Bilder integriert, sie zur Veränderung anregt und damit dem organischen Zufall Tür und Tor öffnet.

Wie schon die Zutatenliste erahnen lässt, kombiniert Katharina Lob verschiedenste Materialen miteinander. Da sind reale Blätter, Blüten und Stängel auf die Leinwand geklebt, dick aufgetragene Farbschichten und Strukturen ergeben sich durch die chemischen Veränderungen der Lösungen aus Eisen, Kupfer oder Bronze. Ihre Arbeiten sind die faszinierende Schönheit der Zersetzung und Veränderung, die sich auch nach Fertigstellung des Bildes langsam weiterentwickeln.

Bei der Verwendung von Rost liegt es nahe, den Herbst zum Thema zu machen. Die Blätter fallen, die Farben sind tief, braun, grau und etwas schmutzig. Das Bild „Herbst“ zeigt dunkelbraune Erdschichten, in das Relief gefurchte Linien und blau schimmerndes Licht vor weißem Dunst. In den Bildern „Wind I und II“ werden zarte, feingliedrige Blütenblätter gerade noch von langen, dünnen Halmen gehalten und flattern wie dunkle Schmetterling im Wind. Dahinter eine äußerst lebendige Farbstruktur aus grün-blauem Licht. Eine andere Serie mit den Titeln „Blattwerk“, „Frost“ und „Blaues Band“ ist farbenfreudiger und von äußerst komplexen Strukturen durchzogen. Diese Bilder lassen der Phantasie viel Raum und wer will, erkennt Landschaften und Wolkenformationen.

Mitten im Raum hängen noch ganz andere Bilder. Geformt durch zwei aufeinandergelegte Plexiglasscheiben, in denen Natur und Farbe eingeschlossen wurden. Hier geht es meist konkreter zu als in den Reliefbildern. Zusehen sind Tiere: Schafe, Pferde, Fische und Vögel. Meist als kleine schwarze Silhouetten vor großen Flächen, eine lebendige Struktur, die an die Schönheit von hellen Eiskristallen und funkelnden Edelsteinen in der Erde erinnert. Die lichtdurchfluteten Plexiglasarbeiten kommen luftig und leicht daher und verändern sich je nach Lichteinstrahlung.

In dem Bild „Pferdeherde“ galoppieren schwarze Pferde auf der Horizontlinie unter einem hohen eisgrauen Himmel und über einem tief schwarz-blauen Grund. Geheimnis oben, Geheimnis unten und dazwischen die magischen Pferde. In „Flug“ fliegt ein Vogelschwarm in Keilform durch die schmerzende Helligkeit einer unendlichen Weite, darunter schweben in betörender Leichtigkeit große Federn durch den Kosmos. Im „Gefrorenen Meer“ zieht ein grauer Fischschwarm durch eine Landschaft voller lebendiger Strukturen, die zerlaufen und sich neu formen, angehalten in der ewigen Schönheit des Augenblicks.

Etwas abstrakter sind die quadratischen Bilder, in denen der Kreis im Mittelpunkt steht. Einmal wie ein fahler Mond, der von feinen pflanzlichen Strukturen durchzogen wird und von einer hellen Aura aus kleinsten Strukturen umgeben ist. Auf einem anderen wird der Kreis von filigranen Zweigen gebildet, ein magischer Zirkel umgeben von federartigen Strukturen, ein Hexenkreis erster Güte.

Aus allen Bildern spricht die Liebe von Katharina Lob zum nordischen Licht und zur eisigen Landschaft. Dabei kopiert sie diese nicht, sondern überträgt ihre Schönheit und Einzigartigkeit in ganz eigene Bildwelten, die den immensen Reichtum und die unendliche Vielfalt der Natur in sich tragen.