Wo der Wald nur Wald ist
Mai 2024
Mit der Ausstellung „Natur im Dialog“ kehrt das Glashaus zu seiner wahren Bestimmung zurück. Wo früher Wein- und Feigen das Gewächshaus mit Pflanzen füllten, hängen jetzt großformatige Ausblicke in die Natur: Die Landschaftsbilder von Burkhard Kern aus Hannover, die sich fast ausschließlich dem Wald widmen.
Früher, im Mittelalter gab es keine Landschaftsmalerei. Die Landschaft war das Natürlichste und Selbstverständlichste, die man nicht von außen betrachtete, weil man mitten in ihr lebte. Außerdem galt das Interesse hauptsächlich dem Göttlichen, dem Jenseitigen.
Das Glashaus, in dem Burkhard Kern seine Waldbilder zeigt, stand früher in einem großen englischen Landschaftsgarten, der sich um das Schloss erstreckte. Es gab viel freie Fläche, weite Blickachsen, den Tempel auf dem Donnerberg, das Pyramidenmausoleum, schöne Brücken über die Nette und viele geschwungene Wege, die durch den Garten führten.
Die Vorbilder für seine Gestaltung kamen aus der Malerei. Genauer aus den gemalten Ideallandschaften des 18. Jahrhunderts, eine klassische Idylle des Menschen mit der Natur. Heute gibt es den Derneburger Landschaftsgarten nicht mehr, er wurde ab 1945 nicht mehr gepflegt und die Natur und die Baumwirtschaft haben sich ihre Rechte wieder zurückgeholt.
Die Beschäftigung der Malerei mit der Landschaft hat immer etwas Romantisches. Ein Ausdruck der Entfremdung des Menschen von der Natur durch die zunehmende Urbanisierung. Die Natur als idealisierter Sehnsuchtsort. Heute ist der Rest der Landschaft, die der Mensch übriggelassen hat, mehr als jemals zuvor, durch den Klimawandel bedroht. Aber eigentlich weniger die Landschaft als der Mensch, der sich ihr entfremdet hat.
Wie, so kann man sich fragen, kann heute eine zeitgemäße Landschaftsmalerei aussehen? Diese Antwort gibt Burkhard Kern in seiner Ausstellung im Glashaus. Ein Hauch Romantik und Idylle ist auch in seinen Bildern wiederzufinden. Zunächst staunt der Betrachter über die nahezu fotorealistische Malweise des Künstlers. Fotografie, so viel scheint klar, ist ein Ausgangspunkt. Sie ist es ja, die unsere hauptsächliche Wahrnehmung der Landschaft ausmacht. Wenn wir eine schöne Landschaft sehen, dann entweder durch das Objektiv unseres Handys oder als ein in einer App verschicktes Foto.
In der Malerei von Burkhard Kern sind viele fotografische Aspekte zu finden: radikale Ausschnitte, Überstrahlungen, perspektivische Verzerrungen und Verwischungen. Diese fotografischen Merkmale wiegen den Betrachter zunächst in Sicherheit. Das ist bekannt und vertraut, viel mehr als das selbständige Sehen von etwas Unbekanntem.
Aber der Wald ist etwas Unbekanntes. Er ist nicht wir, er steht uns gegenüber mit einer anderen Geduld, einem anderen Zeitempfinden, einer anderen Mobilität – kurz mit einem ganz anderen Leben. Der Wald muss nicht arbeiten, um Geld zu verdienen. Das machen wir mit ihm. Er muss nicht reisen, um etwas zu erleben. Das machen wir in ihm. Der Wald ist auch heute noch etwas Fremdes, dessen wahre Natur wir gerade erst wieder erforschen. Sprechen die Bäume eigentlich miteinander?
Die Waldbilder von Burkhard Kern sind nicht der Wald. Sie sind Bilder, gemalt mit einem Pinsel und Farbe und je näher man dem Bild kommen, umso mehr taucht man in die Welt der Malerei ein: in die Bewegung des Pinselstriches, in die Dicke des Farbauftrages in die Vermischung der Farben. Was vorher ein Blatt war, erscheint als Klecks, die Baumrinde wird zur abstrakten Fläche.
Es gibt eine Serie mit dem Titel „Birken im Frühling“, Ausschnitte von Birkenstämmen ohne Anfang und Ende. Die Baumstämme durchziehen das Hochformat von unten nach oben, streben in das Bild hinein und wieder heraus. Sie besitzen keine nachvollziehbare Ordnung, unten ein wildes dunkles Gestrüpp, oben eine lichte klare Weite. Starke Kontraste von hell und dunkel vermischen sich mit einer strahlenden Leichtigkeit. Es offenbart sich die geheimnisvolle Welt der Birken, wie in dem Film von Andrei Tarkowski, in denen lange Einstellungen des Birkenwaldes die Erzählung von „Iwans Kindheit“ immer wieder unterbrechen.
Die Serie der verwischten Bilder entsteht aus einer seitlichen Bewegung, wie bei einer Autofahrt. Der horizontale Pinselstrich steht im Kontrast zu den aufstrebenden Bäumen. Die Formen lösen sich durch Bewegung auf und auch die Farben werden heller und transparenter. Eigentlich bewegen sich Bäume nicht. Doch das ist ein Irrtum. Ein Zeitraffer von 100 Jahren in 100 Sekunden würde ihre Bewegung von der kleinsten Pflanze bis zum großen Baum deutlich machen. Ihre ständige Bewegung nach oben und im Wind, ihren ständigen Wechsel von Belaubung und Nacktheit, die stets wechselnden Licht- und Farbverhältnisse bis hin zu ihrem Tod und Verfall. Die Verwischung in den Baumbildern von Burkhard Kern ist ein Perspektivwechsel in der Zeit, der die vermeintlich ruhige Beständigkeit in Bewegung und Wandel verändert.
Ganz mystisch wird es in dem Bild „Märchenwald“. Hier gibt es 2 Welten: ein formloser undurchdringlich blauer Schleier hinter Ästen, die wie Hände in die Leere greifen auf der einen Seite. Auf der anderen ein Eingang zu einem dunklen tiefen Wald voller Schwere und dazwischen eine muntere helle Birke. Eine Traumwelt, eine Welt zwischen dem Träumen und Aufwachen, in der sich die Realität noch formt oder sich gerade auflöst. Sogar der hellblaue Himmel zwischen den Tannen, eine Art Negativform, entwickelt in diesem Bild ein Eigenleben.
Und dann gibt es da noch die Momente. Momente II und Momente III, tief verwunschene Waldlandschaften mit einem undurchdringlichen Dickicht und überquellenden Reichtum an Formen und Farben. So viel Leben auf engstem Raum, wild und tief, in dem alles mit allem verbunden ist. Deutlich wird, hier geht es nicht weiter, kein Weg führt durch das Dickicht, ein Wanderer würde davon verschlungen werden. Die staunende Frage: Wie bin ich bloß hierhergekommen?
Da wird deutlich, was auf den Landschafsbildern von Burkhard Kern fehlt: Es gibt keine Tiere, keine Vögel, keine Insekten … keine Menschen. Und damit auch keine Wege, die irgendwohin führen. Weil man schon da ist, wo alles ist, wo der Wald nur Wald ist. Und wie ein Zuhörer, der nur zuhört und keinen Kommentar und keine Bestätigung gibt, sondern sich ganz aufmerksam auf den Sprechenden konzentriert, steht der Wald da. Als ein stilles Gegenüber voller Leben, der den Betrachter mit Kraft und Tiefe auf sich selbst verweist. „Wer bist du?“ scheint er zu fragen. Eine gute Frage!




