Der Mensch hat ein tiefes Bedürfnis nach Geheimnis
September 1997
Der Titel der August-Ausstellung im Glashaus ist genau so geheimnisvoll wie die Bilder selbst: „Der Mantel des Inka“ heißt die Bilderschau von Rose Richter-Armgart aus Visbek bei Oldenburg, die eine Serie von Lackbildern ausstellt, die eine sakrale Ruhe ausstrahlen. Schon die Inka sind ein geheimnisvolles Volk, deren Lebensweise uns fremd und weitgehend unbekannt bleibt. Der „Mantel des Inka“ versteckt noch mehr, denn er zeigt nur den äußeren Schein. Der Ausstellungstitel ist also ein doppelte Verhüllung und genau so präsentieren sich die Bilder von Rose Richter-Armgart. Ihr Bilder entziehen sich jeder genauen Deutung. Was bleibt, ist der Eindruck von etwas Fremden, das uns doch nahe steht. Es ist der Eindruck einer tiefen Erfahrung, die nicht analysiert werden kann.
Der Mensch hat ein tiefes Bedürfnis nach Geheimnis. Zwar versuchen Wissenschaft und Forschung alle Rätsel dieser Welt aufzudecken. Wir wissen, wie schwer der Mond ist, wie weit weg das nächste Sonnensystem entfernt liegt und machen uns gerade daran, die Genstruktur des Menschen zu entschlüsseln. Trotzdem können wir den Verlauf der Welt nicht steuern. Wir sind hilflos, wenn es darum geht, die Umweltkatastrophen aufzuhalten und Leid in der Welt zu verhindern. Es ist eine religiöse und spirituelle Erfahrung, zu merken, dass wir nicht allen Dingen auf den Grund gehen können, dass wir selbst gar nicht der Grund von allem sind.
Von dieser Erfahrung berichten die Bilder von Rose Richter-Armgart. Sie stillen das Bedürfnis des Menschen nach Geheimnis. Aber nicht auf die Weise, dass einfach irgend etwas verdeckt oder versteckt wird. Denn dann wäre es ja bekannt und die Künstlerin würde sich einfach nur ein Spaß daraus machen, es uns nicht zu zeigen. Es ist vielmehr ein Geheimnis wie in dem Film „Mikrokosmos“, wo in langsamen Bewegungen gezeigt wird, wie sich eine Libelle aus dem Wasser schält, oder ein Wassertropfen wie ein Meteorit auf der Erde einschlägt. Von den Bildern von Rose Richter-Armgart geht eine Faszination aus. Die Bilder hängen wie Skulpturen im Raum und fordern den Betrachter auf, näherzukommen. Aber auch aus der Nähe geben sie sich nicht preis und halten eine Distanz zum fragenden Betrachter.
Ein zentrales Bild dieser Ausstellung ist „Weg zu den Orten der Kraft“. Über zwei Bildtafeln erstreckt sich eine kreisförmige Bewegung, Ringe, die in tiefem gold-gelbem Glanz erstrahlen und die Kraft der Sonne symbolisieren. Darüber sind eine Unzahl von Zeichen aufgedruckt, kleine einfache Menschenfiguren mit großem Kopf. In langen Reihen sind sie auf das Zentrum ausgerichtet und verschwinden in der gold-braunen Masse der Sonne. Auf fast allen Bildern von Rose Richter-Armgart sind Zeichen wie Hieroglyphen aufgetragen. Auf dem Bild „Mamani Kondor“ erinnern sie an Vogelflügel, in dem Bild „Primera“ sind es sich wiederholende mathematische Zeichen und in dem Bild „Kosmologie“ sind es Buchstaben, Zahlen und Vogelmenschen. Zwischen diesen großen und meist dunklen Werken hängen kleinere Arbeiten der Künstlerin, vornehmlich in Rot und immer quadratisch. Alle diese Bilder neueren Datums heißen Orte und zeigen nicht viel mehr als die quadratische Wiederholung des Bildformates. „Orte I“ zeigt 3 hellrot leuchtende Quadrate in deren Mitte ein quadratisches Goldpapier eingebettet ist. „Orte“ sind Bilder wie Ikonen mit einer heiligen und magischen Ausstrahlung.
Ein weiterer Schlüssel zu den Arbeiten von Rose Richter-Armgart liegt in den Büchern von Ina Rösing, die die Heilungsrituale der südamerikanischen Indianer anschaulich beschrieben hat. Dazu sagt Rose Richter-Armgart in ihrem Katalog: „Dabei geht es um Ausgleich und Gleichgewicht der Kräfte – um Heil-Sein in einem sehr umfassenden und fundamentalen Sinn. Kraft und Farbigkeit dieser Heilungsrituale transformiere ich in intuitive Bilder – Bildorte – Orte der Kraft.“


