Es gibt Zufälle im Leben, die sind gar keine

Mai 2002

Was ist der Zufall? Sechs Richtige im Lotto? Von einem herabstürzendem Ziegel erschlagen zu werden? „Zufällig“ nennt Evelyn Wisbar aus Bad Berleburg ihre Ausstellung im Glashaus. Was ist daran zufällig?

Der Zufall galt lange Zeit als Feind der Kunst. Zufall hieß so viel wie: es nicht gut zu können. Der Künstler musste sein Handwerk beherrschen, es nach seinem Willen gestalten und formen. Der Zufall war ein dummer Fehler, der wieder übermalt wurde. Dieser klassische Kunstbegriff, der den Künstler als Genie definierte, wurde erst durch die Avantgardebewegungen des 20. Jahrhunderts in Frage gestellt. Die „moderne Kunst“ nahm den Zufall als Botschaft aus dem Unbewussten mit in den Gestaltungsprozess. Die Surrealisten und Dadaisten öffneten sich durch verschiedene Techniken dem Unbewussten. Die Gleichsetzung von Zufall und dem Unbewussten zeigt auch gleich die Richtung: Zufall ist nicht beliebig. Zufall ist nicht das Lottoglück und auch kein Unfall, Zufall ist Ausdruck dessen, was uns noch steuert, ohne dass wir es merken. Es gibt Zufälle im Leben, die sind gar keine Zufälle. Die haben Bedeutung.

Die Bilder von Evelyn Wisbar sind zum großen Teil abstrakte Bilder. Es gibt ein Vorurteil gegen abstrakt, das da heißt: „das kann mein Kind ja auch“ – „die kann ja gar nicht richtig malen“. Wir sind verunsichert, wenn die Bilder wenig Gegenständliches zeigen. Der Zugang zu Gefühlen ist oft schwerer als der Zugang zu Fakten. Beim Betrachten der Bilder von Evelyn Wisbar ist aber sofort zu merken, dass abstrakt nicht beliebig heißt. Ihnen ist eine intensive Auseinandersetzung der Malerin mit ihrem Thema anzumerken, sie sind bis in kleinste Details ausgearbeitet, bis sie in sich stimmig sind, in sich ruhen. Immer ist die Farbe ein ganz wichtiges Ausdrucksmittel, die Farbe transportiert sehr viel Gefühl und Lebendigkeit.

Das Café im Glashaus ist in dieser Ausstellung zum „Orangenen Salon“ geworden. Die 5 Bilder dort schaffen eine ganz eigene, dichte Atmosphäre, die mit Worten zunächst nicht zu packen ist. Da ist das Bild „Schnauze – Bauze“, zwei reduzierte Figuren auf gelb-rotem Hintergrund. Leuchtende Steine mit schwungvoller Schrift beschrieben. Oder das Bild „Spezialvermerk – Sicherheitszone“. Ein Bild wie ein Stempel. Alle Figuren und Formen sind wie ausgeschnitten oder ausgerissen. Zeitungspapier scheint durch die Farbe und ein dickes rotes Band schweißt alles zusammen. Spätestens bei dem Lesen der Titel merkt man, dass es in der Kunst von Evelyn nicht tierisch ernst zugeht. Sie hat Spaß. Sie hat Spaß an Farben und Formen und an der Komposition. „Woven Carpet“ zum Beispiel ist ein loderndes Farbenspiel von rot, orange, gelb und weiß. Von oben fließen und fallen die Farben, von unten steigen sie auf – und alles ist in Balance. Die „Schraubenrolltreppe“ ist ein Bild wie der Abdruck einer Spur. Ein weiß-rotes Muster, gelb eingerahmt, von gezackten Linien durchzogen vor einem dunkel-blauen Hintergrund. Darin zum fröhlichen Entdecken eingearbeitet: ein verstreuter Haufen kleinste Schrauben. Wer hat die wohl verloren?

Natürlich die Künstlerin. Es tut nämlich gut, wenn man sich nicht nur auf den gewohnten, bekannten und langweiligen Bahnen bewegt. Gute Bilder überraschen, gute Bilder bewegen, gute Bilder verstehen den Zufall als eine Form der höheren Erkenntnis. Wie auf den Bildern von Evelyn Wisbar.